Die Zahl der Frauen, die als Kinder sexuell missbraucht wurden (von aufgedrängter intimer Zärtlichkeit, dem sogenanntem sanftem Missbrauch, bis hin zu Vergewaltigung und Zwangsprostitution) ist unverändert – kulturunabhängig – eklatant hoch. Die Statistiken schwanken, je nach Hinzunahme von Dunkelziffer, zwischen jede vierte bis jede zweite Frau. Die Täterseite wird selten beleuchtet; die Anzahl der nahen Verwandten aber auf mindestens 3 /4 geschätzt.

Viele Frauen, die Missbrauch im Kindesalter erlebt haben, sind zudem als Lügende, als Mittäterinnen, als die, die etwas auslösen oder die, die selbst schuld sind, diffamiert worden.

Die Fotografin Carla Pohl, selbst Erlebende dieser Doppel-Verletzung/-Demütigung öffnet mit ihrem Fotoprojekt einen Raum für das, was auch viele Jahre nach dem Geschehen noch weiter das Leben, den Alltag mitbestimmen kann: unkontrolliert auftauchende Erinnerungsfetzen an das Erlebte, fragmentarische (emotionale) „Rückfälle“, ohnmächtige Starre.

Da sind es Worte, Berührungen, Gerüche und undefinierbare Situationen, die sie in emotionale Flashbacks fallen lassen. Das kann auch ein ganz normaler Zahnarztbesuch, ein Gespräch, eine Begegnung sein und manchmal ein einziges Wort. Carla Pohl, Fotografin

Das ist die Erfahrung fast aller Frauen, die Missbrauch erlebt haben: In jeder Situation, zu jeder Zeit, an jedem Ort können Erinnerungen - ausgelöst durch Berührungen, Worte, Bilder, Gerüche- auftauchen/passieren. Oft ist dann eine innere Emigration die Folge; Apathie, die nicht unbedingt nach außen dringt, da ein Funktionieren für die Außenwelt/Normalität parallel weiterläuft.

Orte, Zustände, Emotionen, Trigger, helfende Konstellationen, dazwischen immer wieder aufblitzende Körperdetails in größerem Format: Carla Pohls Fotoserie reicht von abstrakt/nebulös bis deutlich sexuell konnotiert und offenbart damit die Dimension des Themas.

Es ist eine fotografische Ritual-Reise, um einerseits die Bild- und Wirkkraft der Erinnerungen anzunehmen und andererseits aus dem Ohnmachtsgefühl aus- und in ein schöpferisches Handeln einzusteigen.

Mutig, sensibel, provokativ – es ist eine zarte wie gleichermaßen starke Arbeit, die vielen Mädchen/Frauen den Mut geben kann, Bild – und Definitionsmacht des Erlebten zurückzugewinnen.

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